Überragender Auswärtssieg in Fulda

Atemberaubender Wille - TTF stehen im Finale!

Klar ist, dass manches klar ist, manches aber auch nicht. Diese Situationsbeschreibung vor dem 18. und letzten Spieltag der Tischtennis Bundesliga mag etwas verworren klingen, trifft aber zu. Nun, wir wissen, dass die vier Play-off-Teilnehmer feststehen. Neben Düsseldorf, Fulda-Maberzell und Saarbrücken natürlich auch die TTF Liebherr Ochsenhausen. Was wir auch wissen ist, dass Boll und Co. die Punktrunde auf Platz eins beenden werden. Zweiter wird entweder Fulda oder Saarbrücken, je nachdem, wie am Sonntag das direkte Duell der beiden Rivalen ausgeht.


Die TTF können noch Dritter oder Vierter werden. Verlieren sie gegen den TTC Schwalbe Bergneustadt, laufen sie auf Platz vier ins Ziel ein, gewinnen sie, können sie noch Dritter werden, jedoch nur, wenn zur selben Zeit Saarbrücken in Fulda verliert. Springt Platz vier heraus, heißt der Play-off-Halbfinal-Gegner Düsseldorf, wird man Dritter, trifft man auf Maberzell. Ein Halbfinale gegen Saarbrücken ist nicht möglich.


Angst haben die jungen Oberschwaben vor keinem der beiden möglichen Kontrahenten – der Fulda-Fluch ist längst überwunden und dass man mit Düsseldorf auf Augenhöhe verkehren kann, sieht man gerade in der Champions League. Auch der Umstand, dass man – egal in welche Konstellation – ein mögliches drittes Play-off-Match auswärts bestreiten muss, dämpft die Zuversicht im Ochsenhausener Lager nicht. Schließlich hat man im Lauf der Runde einige Topteams in fremder Halle geschlagen.


Nach der längeren Vorrede nun konkret zum bevorstehenden Spiel gegen die „Schwalben“. Die zuletzt bei den High-End-Turnieren German und Qatar Open gezeigten Leistungen von drei TTF-Spielern – in Doha überragte Hugo Calderano, in Bremen glänzten Jakub Dyjas und Simon Gauzy – lassen einiges erhoffen. Dennoch müssen die TTF-Asse gegen den Tabellenachten Bergneustadt in Topform auftreten, um tatsächlich die Punkte zu behalten. Die „Schwalben“ sind besser als ihre Platzierung. Sie haben sich insgesamt unter Wert verkauft, konnten sich in der Rückrunde aber steigern und seit Ende Januar vier Siege verbuchen.


Schon das Hinspiel gegen die damals noch im Abwärtsstrudel befindlichen Bergneustädter war eine sperrige Angelegenheit. Am 3. Dezember siegten die TTF zwar in Gummersbach mit 3:1, musste dafür aber fast drei Stunden ackern und konnten froh sein, dass Jakub Dyjas und besonders Simon Gauzy einen guten Tag erwischt hatten. Obwohl er sich in dieser Partie verletzt hatte, zog Gauzy sein Ding durch und besiegte Alvaro Robles mit 3:0 sowie Benedikt Duda mit letzter Energie mit 12:10 im Entscheidungssatz.


In der Saison 2016/17 konnten die TTF beide Partien gegen die „Schwalben“ mit Ach und Krach mit 3:2 für sich entscheiden, die Spiele standen auf des Messers Schneide. Eng könnte es auch am Donnerstag in der Dr.-Hans-Liebherr-Halle zugehen.


Nominell besitzt Bergneustadt eine starke Mannschaft, mit der man eigentlich um die Play-offs mitspielen wollte. Bester Mann ist der 23-jährige deutsche Nationalspieler Benedikt Duda, der sich auch international immer mehr in den Vordergrund spielt (Weltrangliste Platz 42, TTBL-Bilanz 16:11). Ihm folgt der 27-jährige Spanier Alvaro Robles (WRL Platz 50, TTBL 8:13), der seit Jahren der Ochsenhausener Trainingsgruppe angerhört und die TTF-Asse wie kaum ein anderer kennt. Mit dem von Düsseldorf gekommenen 35-jährigen Inder Kamal Sharath Achanta hat man eigentlich einen richtig guten Mann verpflichtet. Kaum erklärlich, dass der derzeitige Weltranglisten-71. bisher erst ein Match gewonnen hat (1:6). An Verletzungen laboriert der deutsche Einzelmeister von 2013 Steffen Mengel, der folglich auf Platz 180 des internationalen Rankings zurückgefallen ist. Somit ist auch die 2:8-Bilanz des 29-Jährigen in der TTBL nicht allzu aussagekräftig, schließlich bestritt er einige Matches mit Handikap.


Auch wenn die TTF es letztlich nicht mehr in eigener Hand haben, ob sie Dritter oder Vierter werden, wollen sie diese Partie auf jeden Fall für sich entscheiden, auch um einen gewissen Schwung mit in die Play-offs zu nehmen. Entsprechend wird das Team Gas geben.


„Wir wollen das letzte Punktspiel in der Runde genießen“, so Kristijan Pejinovic. „Wir werden normal spielen und nicht im Schongang, um mit einem Sieg positiv in die Ostertage zu gehen und dort die Akkus ein bisschen aufzuladen, bevor es dann in der Meisterschaft und in der Champions League um alles oder nichts geht.“ Vor keinem der möglichen Halbfinalgegner erstarrt man in Ehrfurcht. „Manche versuchen, Düsseldorf aus dem Weg zu gehen, wir nicht“, sagt der TTF-Präsident. „Unsere Jungs spielen gerne gegen Boll. Wir können gegen Düsseldorf weiterkommen oder ausscheiden und gegen Fulda ebenso. Folglich nehmen wir es, wie es kommt.“


Pejinovic lässt keinen Zweifel aufkommen: „Wir haben gezeigt, dass wir hochklassig spielen können. Wenn es uns tatsächlich gelingen sollte, dieses Potenzial zur richtigen Zeit abzurufen, kann unser Ziel nur darin bestehen, einen Titel zu holen, welchen werden wir sehen.“

Nach exakt 184 Minuten Gesamtspielzeit war es vollbracht. Simon Gauzy hatte um 21.04 Uhr seinen zweiten Matchball gegen Wang Xi verwandelt und damit den 3:1-Sieg der TTF Liebherr Ochsenhausen im Play-off-Rückspiel in Fulda eingetütet – schon das Hinspiel vor sechs Tagen war mit 3:1 gewonnen worden.

 

Trotz einiger enger Matches waren es insgesamt zwei starke, souveräne und absolut überzeugende Auftritte der Oberschwaben. Zum ersten Mal seit 2013 stehen die TTF wieder im Finale um die Deutsche Meisterschaft. Dreimal konnten die Ochsenhausener den Meistertitel erringen, nämlich in den Jahren 1997, 2000, 2004. Könnte 14 Jahre nach dem letzten Triumph der große Coup gelingen? Davon darf nun wenigstens geträumt werden – sechs Wochen lang bis zum großen Showdown in Frankfurt, der am 26. Mai steigt. Der Gegner wird vermutlich Borussia Düsseldorf heißen, sofern der Rekordmeister morgen oder eine Woche später gegen Saarbrücken den Sack zumacht, womit eigentlich alle rechnen. Und dass die TTF gegen Düsseldorf nicht chancenlos sind, haben sie zuletzt in der Champions League gezeigt, wo sie dem „FC Bayern des Tischtennissports“ absolut auf Augenhöhe begegneten und sehr unglücklich in der Addition beider Spieler aufgrund der Bälle den Kürzeren zogen.

 

Doch das ist noch weit dahin, zunächst einmal gilt es, sich über das Erreichte zu freuen. Nach dem Einzug in das Liebherr Pokal-Finale und das Halbfinale der europäischen Königsklasse ist den TTF heute mit dem Sprung ins Meisterschafts-Endspiel zweifellos der größte Erfolg der letzten fünf Jahre gelungen – 2013 stand man zuletzt im Finale um den nationalen Titel gegen Werder Bremen, übrigens damals bereits in der Frankfurter Fraport-Arena, leider ohne Happyend. Und man setzte sich diesmal recht souverän gegen die Mannschaft durch, die letzte Saison in derselben Besetzung noch der Ochsenhausener Angstgegner war. Die jungen Gipfelstürmer von Dubravko Skoric haben also dazugelernt und sich weiterentwickelt.

 

Hugo Calderano dreht das Match gegen Wang Xi
Eine kleine Vorentscheidung brachte schon das erste Match. Hugo Calderano, dessen Einsatz am Nachmittag wegen Hüftproblemen noch nicht sicher war, stand gegen Fuldas Spitzenspieler Wang Xi zunächst mit dem Rücken zur Wand, verlor den ersten Satz mit 15:17 in der Verlängerung, den zweiten mit 8:11 und hatte im dritten Durchgang bei 9:10 einen Matchball gegen sich. Doch gerade da zeigte er Klasse und Nervenstärke. Er gewann den Satz noch und hatte auch in den beiden nachfolgenden Durchgängen die Nase vorne. Damit war den Osthessen schon einmal ein Zahn gezogen, die mitsamt ihren 500 Fans darauf gesetzt hatten, vorzulegen und die TTF unter Druck zu setzen.

 

Simon Gauzy lässt nichts anbrennen
Doch nun war der Druck auf den Gastgeber größer geworden. Noch mehr nach dem zweiten Match, das Simon Gauzy gegen Ruwen Filus, den zweiten Defensivkünstler im Dress der Hessen, trotz eines unglücklich mit 13:15 verlorenen zweiten Satzes am Ende doch souverän mit 3:1 gewann. Nachdem Filus letzte Saison serienweise die jungen Oberschwaben geschlagen hatte, scheinen sie inzwischen genau verstanden zu haben, wie man gegen den deutschen Nationalspieler und aktuellen Weltranglisten-21. spielen muss.

 

Jetzt lastete reichlich Druck auf den Schultern des letztjährigen Meisterschaftsfinalisten, der dicht vor dem K.o. stand. Doch schließlich hatte Maberzell noch einen Jonathan Groth, der in den letzten Monaten bärenstark war und den viele eigentlich an Position eins oder zwei erwartet hatten. Gegen den im Hinspiel gegen Filus so überzeugenden Joao Geraldo war der Däne Chef im Ring und gewann ungefährdet in drei Sätzen.

Würde Fulda nun noch einmal Oberwasser bekommen? Aber das ließ der vorzüglich aufgelegte Simon Gauzy nicht zu, der schon im Hinspiel mit Siegen über Wang und Filus geglänzt hatte. Der 23-jährige Franzose ließ eigentlich nie einen Zweifel aufkommen, wer den Tisch als Sieger verlassen würde, auch wenn der hagere Deutsch-Chinese zwischenzeitlich zum 1:1 ausgleichen konnte. Doch danach hatte Gauzy die Sache wieder gut im Griff und siegte verdient mit 11:7, 8:11, 11:8 und 11:7 – das Finale war erreicht und man hörte in der Halle nur noch die rund 20 mitgereisten Ochsenhausener Schlachtenbummler sowie freudig erregte TTF-Spieler.

 

Pejinovic: „Ich bin stolz auf die Jungs!“
„Das war einwandfrei, ich bin stolz auf die Jungs, wie sie das durchgekämpft haben“, so ein glücklicher Kristijan Pejinovic. „Der Wille, den etwa Hugo heute wieder gezeigt hat, obwohl er leicht angeschlagen war, war atemberaubend. Und über Simons Leistung brauchen wir eigentlich kein Wort zu verlieren – das war spitze und souverän.“ Der TTF-Präsident zeigte sich überaus erleichtert: „Jetzt fahren wir gemütlich heim und sind stolz auf das, was wir geschafft haben. Und morgen schauen wir uns ganz entspannt das Düsseldorf-Spiel im Livestream an.“ Allerdings ist – bei aller Freude – erst ein Zwischenziel erreicht. „Nun fahren wir nach Frankfurt, um zu uns den Titel zu holen“, ließ Pejinovic keinen Zweifel aufkommen, dass die TTF keineswegs vorhaben, im Finale brav den Sparringspartner für einen weiteren Düsseldorfer Triumph zu spielen.

 

Gauzy und Calderano loben geschlossene Mannschaftsleistung
Simon Gauzy wollte den Play-off-Triumph der TTF gar nicht so sehr auf seine eigenen Leistungen zurückführen. „Wir haben als Team zwei tolle Spiele gegen Fulda gemacht und haben uns selbst belohnt“, so der Weltranglisten-Zehnte. „Im ersten Spiel war der tolle Sieg von Joao über Filus für uns ungemein wichtig, heute war mit entscheidend, dass Hugo das schwierige erste Match noch umgebogen hat.“ Gauzy rechnet sich durchaus Chancen für das Finale aus und geht davon aus, dass der Gegner Düsseldorf heißt: „Klar haben wir eine Chance in Frankfurt. Wir werden uns sehr gut vorbereiten und wissen, dass wir auch Düsseldorf packen können, auch wenn sie eine sehr, sehr gute Mannschaft haben.“

 

Hugo Calderano gab das Lob gerne zurück. „Simon hat in beiden Spielen grandios gespielt“, so der 21-jährige Brasilianer. „Überhaupt waren wir sehr gut vorbereitet und haben auch heute wieder als Mannschaft eine gute Leistung gezeigt.“ Natürlich sei es sehr wichtig gewesen, mit einem Sieg in der Tasche nach Fulda zu fahren. „Sie hatten heute mehr Druck als wir und wir haben uns nicht aus der Ruhe bringen lassen“, sagte Calderano. Auch der Weltranglisten-Zwölfte rechnet sich etwas für Frankfurt aus – und auch er glaubt, dass Düsseldorf der Finalgegner sein wird: „Natürlich ist Düsseldorf eine Top-Mannschaft und schwer zu besiegen, aber wir haben sie in dieser Saison schon geschlagen, besitzen viel Selbstvertrauen und haben mittlerweile das Niveau, auch ein solches Finale gewinnen zu können.“

 

Das Spiel im Überblick
Wang Xi – Hugo Calderano 2:3 (17:15, 11:8, 10:12, 8:11, 9:11)
Ruwen Filus – Simon Gauzy 1:3 (8:11, 15:13, 9:11, 6:11)
Jonathan Groth – Joao Geraldo 3:0 (11:4, 11:8, 11:7)
Wang Xi – Simon Gauzy 1:3 (7:11, 11:8, 8:11, 7:11)