Kleiner Jang ganz groß

Korea Open

Kleiner Jang ganz groß

Ein Spieler der TTF Liebherr Ochsenhausen hat am Wochenende Tischtennisgeschichte geschrieben.


Geht nicht, gibt’s nicht – jedenfalls nicht für Jang Woojin. Der 23-Jährige stieg bei seinem Heimturnier zur Kultfigur auf. Ochsenhausens neuer Mann sicherte sich bei den Korea Open in Daejeon alle drei möglichen Titel – er ist damit der erste Spieler, dem ein solche Triumph jemals auf der World Tour gelang. Dass ihm dieses Kunststück auch noch als Ungesetzter bei entsprechend schwieriger Auslosung und bei einem Platinum-Event der Tour, einem der hochkarätigsten Turniere des Jahres, glückte, macht die Angelegenheit besonders wertvoll.


Jang hatte schon 2012 im Liebherr Masters College Großes im Sinn


Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich noch gut, wie im Juni 2012 sein damaliger Trainer am Liebherr Masters College (LMC), Leo Amizic, den schmächtigen Jungen aus Südkorea mit „Komm‘ mal her, kleiner Jang!“ herbei zitierte, da er für ein Interview – das erste seines Lebens – benötigt wurde. Der damals gerade 17 gewordene Tischtennis-Lehrling, der kaum wie 15 wirkte, kam schüchtern herbeigeeilt und beantwortete brav alle Fragen überaus höflich und bescheiden. Doch auf eine Frage hatte der „kleine Jang“ eine glasklare Antwort parat. Gefragt, was er denn mal im Tischtennis erreichen möchte, kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort: „Weltmeister und Olympiasieger werden!“ Das mögen sich viele Jugendspieler erträumen, doch bei Jang Woojin nimmt man es spätestens seit Sonntagmittag richtig ernst.


Nach zwei Jahren, in denen Jang in Ochsenhausen eine Menge Grundlagen nebst Feinschliff vermittelt bekam, beorderte der koreanische Verband ihn noch im Sommer 2012 in seine Heimat zurück, um seine weitere Entwicklung besser unter Kontrolle zu haben. Man hatte ein Auge auf ihn geworfen und ahnte, dass aus ihm ein ganz Großer werden könnte. Ein Jahr später wurde er ja dann auch Jugendweltmeister im marokkanischen Rabat, fraglos ein besonderes Gütesiegel – dieser Coup gegen starke chinesische Konkurrenten gelang ihm in seinem letzten Jugend-Turnier. Danach wurde es einige Jahre eher still um ihn, man sah ihn öfters auf der World Tour, nicht erfolglos, aber auch nicht mit epochalen Erfolgen. Richtig „explodiert“ ist er, nach einem Zwischenhoch 2015, erst in den letzten Monaten.


16 Matches, 16 Siege


Und jetzt räumte er bei den Seamaster 2018 Platinum Shinhan Korea Open in Daejeon drei Titel ab, jenem hochkarätig besetzten Platinum Turnier der ITTF World Tour, bei dem weder den Top-Chinesen Lin Gaoyuan und Xu Xin noch einem Dimitrij Ovtcharov ein Erfolg vergönnt war. Eigentlich der helle Wahnsinn! Inklusive Doppel und Mixed bestritt der „kleine Jang“ 16 Matches im Daejeon Hanbat Stadium – und jedes Mal verließ er als Sieger den Tisch.


Zuletzt musste am Sonntag im Finale des Herren-Einzels Liang Jingkun, der zuvor den Weltranglistendritten Lin Gaoyuan ausgeschaltet hatte, dran glauben. Gegen Lin war übrigens Hugo Calderano im Viertelfinale ausgeschieden (2:4), der bis dahin im Turnier keinen Satz abgegeben hatte. Im Endspiel blieb der Superleague-erfahrene Chinese Liang gegen den „kleinen Jang“ beim 0:4 schlichtweg chancenlos. Der Koreaner, dessen großes Vorbild Ryu Seung Min ist, ließ seinen Gegner kaum zum Durchatmen kommen, gewann in souveränem Stil das denkwürdige Match mit 11:8, 11:9, 11:7 und 11:3 und versetzte die Kulisse in einen kollektiven Freudentaumel. Ein neuer Nationalheld in dem tischtennisbegeisterten ostasiatischen 50-Millionen-Land wurde geboren.
Schaut man sich die Liste seiner Gegner bei den Korea Open 2018 von Anfang bis Ende an, wird deutlich, was er geleistet und wie sehr er sich den zweiten World-Tour-Titel seiner Karriere im Herren-Einzel verdient hat. Seine „Opfer“ in Daejeon waren: Thomas Keinath (4:1), Patrick Baum (4:0), Lam Siu Hang (4:0), Patrick Franziska (4:0), Xu Xin (4:1), Jeong Sangeun (4:3), Jun Mizutani (4:1) sowie Liang Jingkun (4:0).


Auch im Doppel und Mixed Extraklasse


Eine Stunde vor dem Einzel-Endspiel hatte er gemeinsam mit seinem Landsmann Lim Jonghoon das Herren-Doppel gewonnen – im Finale wurden die favorisierten Hongkong-Chinesen Ho Kwan Kit/Wong Chun Ting, Nummer zwei der Doppel-Weltrangliste, mit 3:1 (11:8, 19:17, 9:11, 11:9) geschlagen.
Und schon am Vortag war Jang in die Tischtennis-Annalen eingegangen, als ihm gemeinsam mit seiner nordkoreanischen Partnerin Cha Hyo Sim in einer historischen Nord-Süd-Kombination ein spektakulärer Sieg im Mixed gelungen war. Im Zuge der vom Weltverband geförderten „Pingpong-Diplomatie“ zwischen Nord- und Südkorea hatte man insgesamt vier „gemischte“ Doppel- und Mixed-Paarungen an den Start geschickt und nicht im Traum daran gedacht, dass eine davon Turniersieger werden könnte. Doch genau das brachten Jang und Cha fertig, die von Sieg zu Sieg eilten, dabei oft klare anfängliche Rückstände wettmachten und im Finale sogar das deutlich höher eingeschätzte China-Duo Wang Chuqin/Sun Yingsha mit 5:11, 11:3, 11:4 und 11:8 in die Schranken wiesen. Jang Woojin legte nach verwandeltem Matchball einen Freuden-Luftsprung hin und die Halle bebte – die „diplomatische“ Nord-Süd-Paarung hatte sich auch in die Herzen der Fans gespielt. Und natürlich den ersten World-Tour-Sieg einer gemeinsamen nord- und südkoreanischen Formation überhaupt bewerkstelligt.


Glücklicher Held, glückliche TTF, glückliche TTBL


Jang hatte zwar vor den Korea Open 2018 schon einige Erfolge auf der Tour vorzuweisen. 2016 hatte er die vergleichsweise unbedeutenden Belarus Open gewonnen, letztes Jahr fuhr er zwei Doppel-Titel ein, zudem brachte er bis 2015 insgesamt dreimal U21-Gold nach Hause. Doch Daejeon toppt alles.
Zu den vielen Superlativen der Fachwelt und der Reporter hagelte es für den Teufelskerl aus Fernost nach dem gewonnenen Einzel-Finale Interview-Wünsche ohne Atempause. Wir konnten von ihm bisher allerdings erst zwei Sätze erfahren, die aber alles aussagen: „Ich bin einfach nur glücklich und sehr stolz, in meinem Heimatland so erfolgreich gespielt zu haben. Heute ist der schönste Tag in meiner Karriere.“


Obendrauf gab es für den „kleinen Jang“ ein Preisgeld von 30.000 Dollar, dazu kommen noch die Prämien für Doppel- und Mixed-Gold. Der 1,69 Meter kleine Koreaner, der auf dem Weg ist, einer der ganz Großen zu werden, kommt also nicht als armer Mann nach Ochsenhausen. Und die Nummer 30 der Tischtenniswelt wird er nicht mehr allzu lange sein. Auch seine bisherige persönliche Bestmarke – im Oktober 2015 war er 24. des internationalen Rankings – dürfte schon am 1. August fallen.


Die TTF Liebherr Ochsenhausen freuen sich auf ihren geschichtsträchtigen Koreaner und die gesamte Tischtennis Bundesliga darf sich auf den „kleinen Jang“ freuen.

 

Die Finalspiele der Korea Open 2018 mit Jang Woojin


Herren-Einzel


Jang Woojin KOR – Liang Jingkun CHN 4:0 (11:8, 11:9, 11:7, 11:3)

 

Herren-Doppel


Jang Woojin/Lim Jonghoon KOR – Ho Kwan Kit/Wong Chun Ting HKG 3:1 (11:8, 19:17, 9:11, 11:9)

 

Mixed


Jang Woojin KOR/Cha Hyo Sim PRK – Wang Chuqin/Sun Yingsha CHN 3:1 (5:11, 11:3, 11:4, 11:8)